Schritt 3: Bedürfnisse

Was ist ein Bedürfnis?

Der Begriff Bedürfnis löst oft die Assoziation nach Bedürftigkeit aus. Viele glauben, dass sie dann bedürftig wirken und vielleicht auf die Hilfe von Anderen angewiesen sind. Allein diese Vorstellung lässt viele verkrampfen und sie trauen sich nicht ihr Bedürfnis zu benennen oder gar auszuleben bzw. zu erfüllen. Von daher ist es an erster Stelle wichtig, zu klären, was ein Bedürfnis überhaupt ist. Denn wir alle haben Bedürfnisse. Und alle wünschen sich, diese leben zu dürfen.
Ein Bedürfnis ist etwas Grundlegendes. Es ist ein Verlangen, einen empfunden Mangel zu befriedigen bzw. ein tatsächliches Defizit zu beheben. Vielleicht ist Ihnen die Bedürfnispyramide nach Maslow bekannt. Sie zeigt auf, welche Bedürfnisse wir alle haben.
Neben den Grundbedürfnissen Essen, Trinken und Schlafen, haben wir ein Sicherheitsbedürfnis (das erfüllen wir uns zum Beispiel durch Wohnung, Geld und Arbeit), ein soziales Bedürfnis (zum Beispiel nach Freundschaft, Liebe und Zugehörigkeit), ein Ich-Bedürfnis (zum Beispiel nach Anerkennung), das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung und andere.
Alle unsere Bedürfnisse bauen aufeinander auf, was durch die Pyramide von Maslow sehr schön deutlich gemacht wird. Für Ihr Leben heißt das: Erst wenn ein Bedürfnis befriedigt ist, kann das nächste Bedürfnis wahrgenommen werden.

Als Beispiel:
Sie sind in einer Konferenz. Ihre Anmeldung erfolgte, weil Sie ein Bedürfnis nach Austausch mit Ihren Kollegen haben. Sie möchten mit ihnen in Verbindung sein und gerade solche Treffen machen Ihnen dies möglich. Für diese Konferenz haben Sie sich gut vorbereitet, Informationen gesammelt, die Sie gerne weiterreichen möchten. Mitten in der Podiumsdiskussion spüren Sie den Druck Ihrer Blase. Die Kaffeepause war einfach zu verführerisch, sodass Sie statt einer gleich zwei Tassen Kaffee getrunken haben. Während Sie nun merklich Ihren Blasendruck spüren, verlässt Sie Ihre Konzentration für das Gespräch. Ihr Wunsch eine Toilette aufzusuchen wächst mit jeder Minute und die Chance auf einen informativen Austausch wird pro Sekunde geringer. Ihre Konzentration für die Diskussion kann erst wieder steigen, wenn Sie ihre Blase entleert haben.

An diesem Beispiel wird deutlich, dass wir erst ein Bedürfnis befriedigen müssen, bevor wir uns dem zweiten zuwenden können. Die Grundbedürfnisse stehen immer an erster Stelle und alles andere kommt danach.
Jedes Bedürfnis, dass wir wahrnehmen, hat immer mit uns zu tun. Niemand anderes “macht” uns Bedürfnisse. Zugleich sind Bedürfnisse immer im Jetzt. Sie spielen weder in der Vergangenheit, noch in der Zukunft. In der Gewaltfreien Kommunikation verstehen wir Bedürfnisse unabhängig von Ort, Zeit und Person. Wichtig ist, dass Sie sie wahrnehmen und dankbar annehmen können – dann, wenn sie gerade in Ihnen lebendig sind. Durch das Wahrnehmen haben Sie die Möglichkeit, sich eine Strategie zur Bedürfniserfüllung zu überlegen.

Konflikte entstehen auf der Strategieebene zur Bedürfniserfüllung

Treffen verschiedene Interessen aufeinander, dann ist das zum einen Ausdruck eines lebendigen Miteinanders. Zum anderen können daraus Konflikte entstehen.
So wie jede Medaille zwei Seiten hat, so hat auch die Bedürfniserfüllung zwei. Die eine Seite ist die, dass Sie sich selbst etwas Gutes tun. Wenn Sie also ein Bedürfnis wahrgenommen haben, dann erfüllen Sie es sich. Das kann zum Beispiel geschehen, indem Sie sich etwas zu essen holen (Bedürfnis: Hunger), eine Reise buchen (Bedürfnis: Wachstum/Austausch mit anderen Kulturen) oder zu einem Seminar gehen (Bedürfnis: Lernen/Kommunikation). Das alles machen Sie für sich und niemals um damit jemand anderem zu schaden. Denn Sie wissen, dass Ihre Bedürfnisse zu Ihnen gehören und nur Sie dafür verantwortlich sind.
Die andere Seite der Medaille wird sichtbar, wenn sich andere an Ihren Ideen stoßen oder ihnen Ihre Umsetzung missfällt. Daraus können dann Konflikte entstehen, welche die Kommunikation und das Miteinander belasten. Um Konflikte oder Streits beizulegen, ist es wichtig darüber zu reden. Leider wird dann häufig auf der Strategieebene diskutiert, ohne das dahinterliegende Bedürfnis zu ermitteln und wahrzunehmen.

Ein Beispiel:
Helga und Kim sitzen in einem Zweierbüro. Zum Mittagessen bringt sich Kim täglich eine eigene Brotdose mit. Helga liebt es dagegen in die Kantine zu gehen. Heute gibt es in der Kantine Gyros mit Knoblauchsauce. Helga liebt Knoblauch und dementsprechend groß ist die Portion.
Kim geht es an diesem Tag nicht so gut. Der Wetterumschwung bringt Kopfweh mit sich, was die Konzentration beim Arbeiten stark beeinflusst. Nach der Mittagspause kommt Helga zurück ins Büro, setzt sich an den Schreibtisch und geht ans Werk. Die Knoblauchsauce macht sich derzeit im Raum breit. Bei diesem Duft hat Kim große Schwierigkeiten sich auf die Arbeit zu fokussieren.
Eine Diskussion zwischen den beiden entbrennt darüber, ob Knoblauchsauce während der Mittagspause gegessen werden darf oder nicht. Die Diskussion wird so heftig, dass Kim schließlich früher nach Hause geht und darauf hofft, dass der Geruch morgen aus dem Büro verschwunden ist.
In diesem Gespräch haben beide Gesprächspartner auf der Strategieebene diskutiert und ihre Bedürfnisse dabei außeracht gelassen. Hätten die beiden sich ihre unterschiedlichen Bedürfnisse bewusst gemacht, hätten sie die Chance gehabt eine gemeinsame Lösung zu finden, statt sich in der Diskussion zu verlieren.

Zurück zum Beispiel:
Kim hat das Bedürfnis nach klarer und sauberer Luft, um sich trotz Kopfweh weiter auf die Arbeit konzentrieren zu können. Helga hat das Bedürfnis nach Geselligkeit in der Mittagspause und nach Essen, um die anliegenden Aufgaben bis zum Feierabend gewissenhaft zu erledigen.
Somit treffen unterschiedliche Bedürfnisse aufeinander und damit auch verschiedene Strategien zur Bedürfniserfüllung.
Statt nun die Diskussion über den Knoblauchgeruch zu führen, haben beide die Chance ihre Bedürfnisse – die in diesem Moment lebendig sind – mitzuteilen. Damit hat das Gegenüber eine Chance, zu erfahren, wie es dem anderen gerade geht und kann darauf reagieren. Gemeinsam kann dann eine Lösung gefunden werden, mit der alle Bedürfnisse erfüllt werden, ohne dass sich jemand eingeschränkt fühlt.
Im oben genannten Beispiel könnte eine Lösungsidee sein, das Fenster zu öffnen, damit der Geruch neutralisiert wird. Eine andere Möglichkeit wäre, dass Helga sich bereit erklärt, zukünftig auf Knoblauch während der Arbeit zu verzichten und sich für diesen Moment einen Kaugummi besorgt. Eine andere Option könnte sein, dass Kim oder Helga einer Tätigkeit nachgeht, die außerhalb des Raumes stattfindet.
Konflikte entstehen durch die Strategie zur Bedürfniserfüllung und nicht durch das Bedürfnis selbst. In gemeinsamen Gesprächen kann das Bedürfnis herausgearbeitet werden und dann ein konstruktiver Umgang mit Konflikten stattfinden.

Wie erfüllte und unerfüllte Bedürfnisse Ihre Gefühle beeinflussen

Wer Kinder hat, der weiß was passiert, wenn an der Kasse kein Lolli gekauft wird. Trotz mehrfachem Nachfragen und großen Augen machen, lehnt das Elternteil diese Bitte ab. Was dann geschieht ist großes Kino. Dicke Tränen, lautes Gebrüll und eventuelle Wortfetzen zeigen die Reaktion des Kindes auf diese Ablehnung. Der Unmut des Kindes wird mit verbaler und nonverbaler Kommunikation sichtbar gemacht. Als Erwachsene spüren wir den Druck in der Brust, wenn die Chefin die Gehaltserhöhung ohne Wimpernzucken ablehnt. Allerdings beherrschen wir uns mit unserer Reaktion darauf. Trotz Enttäuschung gehen wir mit erhobenem Kopf aus dem Gespräch und machen gute Miene.
Der restliche Tag ist dann gelaufen für uns. Daheim kann es passieren, dass unser Partner unsere Stimmung aushalten darf. Das zeigt sich dann darin, dass wir am Abendessen rummäkeln oder schweigend vor dem Fernseher sitzen. Jegliche Nachfragen werden im Keim erstickt. Schließlich wollen wir nicht wie das kleine Kind an der Kasse wirken. Und so machen wir unsere Gefühle mit uns selbst aus.
Drei Tage später sind wir immer noch angesäuert und wissen vielleicht schon gar nicht mehr, warum.
So wie uns unsere Gefühle als Navigatoren hin zu unseren Bedürfnissen führen, so beeinflussen uns unsere Bedürfnisse in unseren Gefühlen.
Das heißt, sobald wir uns über unser Bedürfnis klar sind und dieses nicht erfüllt wird, reagieren wir darauf. Je nachdem, wie wichtig uns dieses Bedürfnis ist, fällt unsere emotionale Reaktion stärker oder schwächer aus.

Beispiel:
Max wünscht sich eine Gehaltserhöhung. Das dahinterliegende Bedürfnis könnte sein, dass eine große Reise (Freiheit), ein Hausbau (Sicherheit) oder Nachwuchs (Gemeinschaft) geplant ist. Dafür wird mehr Geld benötigt. Ein Weg sich das Bedürfnis zu erfüllen, liegt in der Strategie einer Gehaltserhöhung. Max hat sich alles perfekt zurecht gelegt. Max geht von einer Zustimmung seitens der Chefin aus.
Als die Chefin die Gehaltserhöhung ablehnt, ist Max betroffen. Seine Strategie zur Bedürfniserfüllung ist gescheitert. Da dies seine (derzeitig) einzige sichtbare Strategie war, wird diese Ablehnung spürbar in Form von Trauer, Verzweiflung oder Wut. Das unerfüllte Bedürfnis kann die Umwelt nun anhand der Stimmung von Max wahrnehmen. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass uns erfüllte Bedürfnisse zum Strahlen bringen.
Wenn Kim das Bedürfnis nach Kommunikation hat und die Freundin sich mit ihr zum Kaffeeklatsch verabredet, dann lässt das ihre Augen strahlen. Warum? Weil ihr Bedürfnis von der Freundin gesehen wurde und sich die Möglichkeit zur Erfüllung des Bedürfnisses bietet.
Bedürfnisse und Gefühle stehen sich ganz nah. Gerade in der Kommunikation zeigt sich diese Verbindung in Form von verbalem oder nonverbalem Miteinander. Je klarer wir mit unseren Bedürfnissen sind, desto klarer können wir unsere Gefühle wahrnehmen. Das heißt, dass wir bewusster erkennen warum gerade dieses Gefühl in uns lebendig ist. Und je mehr uns das bewusst ist, desto größer ist die Chance unser Leben nach unseren Wünschen und Bedürfnissen zu gestalten.

Es gibt keine negativen Bedürfnisse

In unserem Alltag begegnen uns immer wieder Situationen, in denen wir zwischen “richtig” und “falsch” unterscheiden (Schwarz-/Weiß-Denken). Das vereinfacht den Alltag. Warum? Weil wir leichter Entscheidungen fällen können. Schon allein zum Frühstück wählen wir Tee oder Kaffee, Brot oder Brötchen, Wurst oder Käse, usw. Würden wir das alles jedes Mal neu überdenken, würde uns das enorm überfordern. Gleichzeitig trennt uns dieses Denken von unseren Mitmenschen ab. Sobald Sie mit vorgefertigten Ansichten (Gedanken) in die Kommunikation treten, verbauen Sie sich die Chance auf ein offenes Miteinander. Erleben wir die Strategien, wie Menschen ihre Bedürfnisse befriedigen wollen, dann kann uns das verunsichern.
Ein Beispiel:
Wenn Sie erleben, wie Max zum Mittag ein Glas Weißwein trinkt, dann könnten Sie denken: “Zum Mittag Alkohol? Das gehört sich nicht.”
Allein mit diesem Gedanken bewerten Sie Max und strahlen dieses nonverbal aus. Vielleicht verziehen Sie die Augenbraue oder heben Ihren rechten Mundwinkel. Das alles geschieht sekundenschnell und wird von Ihrem Unterbewusstsein gesteuert. Zudem verhindern Sie damit, dass Sie Max neugierig gegenüber stehen. Wenn Sie Max fragen würden, könnte er vielleicht antworten: “Ich genieße mein Mittagessen und da gehört für mich ein Glas Weißwein dazu.” Sie würden in dem Gespräch erfahren, dass Max ein Bedürfnis nach Genuss hat und dieses in seiner Mittagspause befriedigt.
Um in Gesprächen sicherer mit den eigenen Gefühlen und den dahinter liegenden Bedürfnissen zu werden, hilft es immer wieder inne zu halten. Sei es in der Schlange beim Bäcker, in der Morgenrunde, auf dem Heimweg oder abends auf dem Sofa. Es gibt unendlich viele Momente, in denen Sie in sich hinein spüren können.

Halten Sie inne und machen Sie sich Ihre momentanen Bedürfnisse bewusst. Nehmen Sie Ihre Empfindungen wahr und schauen Sie, welches Bedürfnis damit Ausdruck gewinnt.
Wenn Sie ein erfülltes oder unerfülltes Bedürfnis klar erkannt haben, dann wertschätzen Sie sich dafür. Nehmen Sie es dankbar an. Jedes Bedürfnis ist ein Hinweis, eine Art Wegweiser, damit es Ihnen stets an nichts mangelt und Sie immer mit allem versorgt sind, was Ihnen gut tut. Jedes Bedürfnis – egal ob erfüllt oder unerfüllt – dient Ihrem Leben. Es gibt keine negativen Bedürfnisse. Negative Bedürfnisse entstehen nur, wenn wir diese so bewerten – wenn wir in Kategorien denken und fühlen und das dann zum Ausdruck bringen.

Alles was Sie in sich spüren dient Ihrem Leben. Nur weil andere Menschen in dem Moment andere Bedürfnisse haben, bedeutet das nicht, dass Ihre Bedürfnisse keine Bedeutung haben. Es zeigt einfach nur, dass jeder von uns andere Lebensziele hat, welche sich in unterschiedlichen Bedürfnissen ausdrücken oder hinter Strategien verstecken.

Einzelübungen zu Bedürfnissen:

Nehmen Sie sich am Morgen kurz Zeit und gehen den vor Ihnen liegenden Tag in Gedanken durch. Notieren Sie Ihre Bedürfnisse, die Sie sich heute erfüllen möchten. Dabei können Bedürfnislisten helfen. Am Abend schauen Sie sich Ihre Liste vom Morgen an und überprüfen, welche Bedürfnisse wirklich erfüllt wurden. Notieren Sie die genutzten Strategien und fühlen Sie in sich hinein, wie es Ihnen damit ging. Wie geht es Ihnen, wenn Sie sehen, welche Bedürfnisse erfüllt wurden und welche unerfüllt blieben?

Partnerübung zu Bedürfnissen:

Suchen Sie sich einen Gesprächspartner. Nehmen sie sich 30 Minuten Zeit. Eine Person sucht sich ein Bedürfnis aus ihrem Leben, das sie sich erfüllt hat. Sie berichtet ihrem Gegenüber maximal 10 Minuten von diesem Bedürfnis und der Strategie zur Erfüllung. Der Gesprächspartner hört nur zu, ohne Bemerkungen einzubringen. Danach werden die Rollen getauscht. Im Anschluss können sie sich 10 Minuten darüber austauschen, wie es ihnen damit ging, von einem Bedürfnis zu berichten. Was war in Ihnen lebendig, als sie darüber sprachen bzw. nur zuhörten?